European Green Deal, Know-how-Erhalt und Maritime Souveränität

Vortragsreihe »Maritime Trends« zu aktuellen Themen der maritimen Branche

Die maritime Branche ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft. Sie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands, in dem rund 400.000 Beschäftigte etwa 50 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Für die Exportnation Deutschland ist der Seeweg der wichtigste Teil der Infrastruktur. Zwei Drittel der deutschen Exporte verlassen Deutschland per Schiff. 90 Prozent der Güter werden weltweit über die Meere transportiert.

„In den vergangenen Wochen haben wir eine Veranstaltungsreihe initiiert, in der wir in sehr informativen knappen Morgenrunden die Diskussion über aktuelle Themen der maritimen Branche gestartet haben“, berichtet Claus Brandt, Geschäftsführer des Deutschen Maritimen Zentrums.
„Es ist uns gelungen, vom Start weg überaus renommierte Redner*innen zu gewinnen“, freut er sich.

„Mit ihren Impulsvorträgen haben sie die Basis für eine kurze und knackige Diskussion geschaffen, die die Teilnehmer*innen mit einer Vielzahl von Anregungen in den Tag entließ“, sagt Runa Jörgens, Referentin Schifffahrt beim Deutschen Maritimen Zentrum, die die erste Runde der Reihe, gemeinsam mit Brandt geplant hat. „Uns ist es wichtig, dass wir mit der Branche über den steten Wandel diskutieren, dem sie unterworfen ist“, sagt Brandt.

Die Veranstaltungsreihe „Maritime Trends“ bietet einen informativen Start in den Tag zu aktuellen Themen der maritimen Branche. In den ersten Veranstaltungen ging es um den European Green Deal (18.3.2021), den Know-how-Erhalt (25.3.) und die Maritime Souveränität (8.4.).

European Green Deal
Den Anfang machte Achim Wehrmann vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), der die Bedeutung des European Green Deals der EU-Kommission für die maritime Branche aus Sicht des Ministeriums erläuterte.

Mit dem European Green Deal soll Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden, zugleich sollen die Wirtschaft angekurbelt, die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen verbessert und die Natur geschont werden.

Wehrmann betonte, dass es innerhalb der EU ein breites Einvernehmen gebe, die Ziele umzusetzen, die im Rahmen der Internationalen Schifffahrts-Organisation (IMO) und der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt für den Klima- und Umweltschutz in der See- und Binnenschifffahrt formuliert worden seien.

Der Europäische Green Deal habe viele Anknüpfungspunkte und ziele beispielsweise auf Anreize und auf Innovationsförderung. Ein Beispiel dafür sei die angekündigte Initiative EUFuel Maritime der EU-Kommission.

Aus technischer Sicht sei die klimaneutrale See- und Binnenschifffahrt bis zum Jahr 2050 realisierbar. National gebe es eine Reihe von Förderprogrammen und -maßnahmen, z.B. für die Modernisierung von Küstenschiffen, die LNG-Förderrichtlinie, die Unterstützung innovativer Hafentechnologien und digitaler Testfelder sowie die Förderung von Bord- und Landstrom. Den alternativen Antrieben und Kraftstoffen käme dabei eine überaus wichtige Rolle zu.

Im Rahmen des Konjunktur- und Zukunftspakets sei von der Bundesregierung zusätzlich zu den bestehenden Programmen 1 Milliarde Euro zur Verfügung gestellt worden, um u.a. maritime Forschung und Entwicklung sowie die Flottenerneuerung von Behördenschiffen zu fördern und die Umrüstung auf umweltfreundliche Antriebe und Betankungsschiffe für alternative Kraftstoffe zu ermöglichen.

Leichtbau, innovative Materialien und elektrische Systeme hätten erhebliche Potenziale zur Verbesserung der Energieeffizienz.

Wichtig sei, Wettbewerbsverzerrung zu vermeiden und zu verhindern.

Know-how-Erhalt
Dr. Karin Kammann-Klippstein (Präsidentin des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrografie/BSH) sprach in der zweiten Veranstaltung über den notwendigen Know-how-Erhalt in der maritimen Branche. Dieser sei in mehreren Bereichen, u.a. durch den fortschreitenden Ausverkauf deutscher Großunternehmen, ernsthaft gefährdet.

Auch wenn der Bestand von Schiffen, die unter deutscher Flagge fahren, seit Jahren auf niedrigem Niveau stagniere, sei die deutsche Handelsflotte (die von deutschen Unternehmen betriebene Flotte) global gesehen die fünftgrößte, bei der Containerflotte mit einem Anteil von 16,4 Prozent der weltweiten Kapazität sogar die größte der Welt.

1.844 Handelsschiffe befänden sich im Eigentum deutscher Reedereien, die in Deutschland etwa 86.000 Mitarbeiter beschäftigen und so erheblich zum Erhalt des maritimen Know-hows beitragen würden. Weltweit würden sie etwa 480.000 Menschen beschäftigen. Auch Makler und Versicherer unterstützten als Dienstleister die maritime Branche und trügen so zum Erhalt deutschen maritimen Know-hows bei.

Die Wertschöpfung eines in Deutschland gebauten Schiffes werde zu 70 bis 80 Prozent von der national ansässigen mittelständischen Zulieferindustrie erbracht, so Kammann-Klippstein. Schiffbau- und Hafentechnologie erreichten jährlich einen Produktionswert von mehr als 23 Milliarden Euro in der Wertschöpfungskette. Das sei Platz 5 im internationalen Vergleich.

Sorgen mache ihr der Druck, der durch das immer aggressivere Auftreten stark subventionierter asiatischer Werften entstehe, die in die Marktnischen drängen, in denen sich deutsche Werften auf dem Weltmarkt etabliert haben.

Es sei gut, dass die Bundesregierung den Marineschiffbau im Februar 2020 als Schlüsseltechnologie eingestuft habe. Sie habe damit dafür gesorgt, dass ein Schutz gegen Direktinvestitionen aus Drittstaaten bestehe und keine europaweite Ausschreibung der Bauaufträge mehr erfolgen müsse.

Obwohl Häfen als kritische Infrastrukturen gelten, sei die Volksrepublik China im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ bereits an mehreren europäischen Häfen (z.B. in Griechenland und Italien) beteiligt oder habe diese aufgekauft. Für die EU sei China inzwischen ein systemischer Konkurrent. Es sei gut, dass die Forschungsinitiative Innovative Hafentechnologien unter Federführung des BMVI zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Häfen, und um finanziellen Engpässen entgegenzuwirken, bis zum Jahr 2025 verlängert worden sei.

Besonders wichtig sind der Präsidentin des BSH der Erhalt und die Förderung von deutschem seemännischem Personal. Es werde zunehmend schwierig, junge Menschen für eine Ausbildung in der Seeschifffahrt zu gewinnen. Der qualifizierte Nachwuchs müsse besser gefördert werden.

Dabei, so Kammann-Klippstein, müsse die Faszination für den Beruf sichtbarer gemacht werden. Die in Deutschland herrschende und etwa 50 Kilometer hinter der Küste beginnende Sea-Blindness müsse überwunden werden.

Maritime Souveränität
Die dritte Veranstaltung begann mit einem Impuls von Norbert Brackmann, dem Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft (Bundesministerium für Wirtschaft/ BMWI). Er sprach darüber, wie mit und in der maritimen Wirtschaft technologische Souveränität gesichert werden und zur Wertschöpfung in Deutschland beitragen könne.

Brackmann hob hervor, dass sich in der Covid-19-Pandemie gezeigt habe, dass Deutschland über funktionierende Transportwege, funktionstüchtige und ausgebaute Häfen, maritime Infrastrukturen, sichere Seestraßen und Lieferketten verfüge.

Damit dies so bleibe, seien sichere Schiffe, offene und Piraterie-freie Seewege und ein gesicherter Datentransfer essenziell – nur so sei die Wettbewerbsfähigkeit der maritimen Wirtschaft zu gewährleisten. Hierfür bedürfe es umfangreicher Investitionen.

Es benötige einer klaren europäischen Haltung, in welchem Umfang Europa Direktinvestitionen staatlich kontrollierter ausländischer Unternehmen in kritische maritime Infrastrukturen zulassen wolle.

Für das Funktionieren der europäischen Industriegesellschaft seien Resilienz und technologische Souveränität die zentrale Grundlage. Wichtig sei der Schutz europäischer Unternehmen vor unfairen Handelspraktiken, um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern. Es gehe nicht um Protektionismus, sondern um die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Vertiefung des Binnenmarktes und eine stärkere Vernetzung und Vertretung der maritimen Interessen – folglich um eine maritime Europainitiative.

Der anstehende Transformationsprozess zur Verbesserung der Umwelt- und Klimastandards berge Chancen, so Brackmann, da Deutschland einer der Weltmarktführer mit noch geschlossener europäischer Wertschöpfungskette im Bereich der Umwelttechnologien sei.

Es sei wichtig, dass die maritime Branche die Fördermittel nutze, um bis 2030 emissionsfreie Lösungsansätze für alle Schiffstypen und Dienstleistungen bereitstellen zu können.

„Dieses erfolgreiche Vormittagsformat werden wir fortsetzen“, so Claus Brandt, „wir haben eine Vielzahl interessanter Themen- und Diskussionsvorschläge von den Teilnehmer*innen erhalten, die wir gerne im Spätsommer aufgreifen und zu Denkanstößen weiterentwickeln möchten.“

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