Mich fasziniert der große Hebel, den Schiffskraftstoffe in Bezug auf den Klimaschutz bieten

Thilo Jürgens-Tatje M.Sc. (Technische Universität Hamburg) über seine Forschungen zu Methanol

Thilo Jürgens-Tatje,
© Bina Engel

Woran forschen Sie?
Wir untersuchen, welche Anpassungen im Schiffbau und in der Hafeninfrastruktur durch den Wechsel zu klimaneutralen Schiffskraftstoffen notwendig sein werden. Unser Fokus liegt dabei auf regenerativ-synthetisch erzeugtem Methanol. Dabei beleuchten wir die gesamte Bereitstellungskette von der Anlieferung in den Hafen, über den Bunkervorgang und das Kraftstoffsystem an Bord bis zum Motor.

Welche Verbesserungen bringt das (für die maritime Branche)?
Damit die klimaschädlichen Emissionen im Verkehrssektor so schnell wie möglich gesenkt werden können, ist die Suche nach technischen und politischen Lösungen in allen Verkehrssparten dringend notwendig. Im Bereich Schienen- und Straßenverkehr sehen wir inzwischen Lösungsansätze, die sich durch eine fortschreitende Elektrifizierung durch Batterie und Oberleitung abbilden. Auch im wasserseitigen Kurzstreckenverkehr finden sich in der letzten Zeit vermehrt hybrid- und vollelektrische Schiffsneubauten. Ganz anders sieht es aktuell im wasserseitigen Langstreckenverkehr aus. Dort gibt es bis heute keine vollständig realisierte klimaneutrale Lösung. Hier setzen die regenerativ synthetisch erzeugten Kraftstoffe an. Durch sie wird eine komplette Defossilisierung der maritimen Industrie technisch möglich.

Was fasziniert Sie daran?
Besonders fasziniert mich der große Hebel, den Schiffskraftstoffe in Bezug auf den Klimaschutz bieten. Der Anteil des internationalen Seeverkehrs an den weltweiten klimaschädlichen Emissionen liegt bei ca. 2,2 %. Das klingt zunächst sehr wenig. Verglichen mit den gesamten Emissionen eines großen Industrielandes wie Deutschland, das etwa einen Anteil von 2,3% trägt, erscheinen diese Emissionen dann aber doch sehr erheblich. Im Seeverkehr ließe sich mit der Umstellung auf klimaneutrale Kraftstoffe also durch nur eine, wenn auch extrem tief greifende, Maßnahme sehr viel erreichen.

Was wird in Ihrem Forschungsbereich wichtig in den nächsten fünf Jahren?
Wichtig ist es vor allem, welche Rahmenbedingungen durch die internationale Politik geschaffen werden. Keiner der aktuell diskutierten klimaneutralen Kraftstoffe ist ohne politisches Eingreifen konkurrenzfähig gegenüber konventionellen Schiffskraftstoffen wie Diesel oder Schweröl. Ohne wirtschaftliche Vorteile werden Schiffsbetreiber jedoch kaum auf klimaneutralen Kraftstoff umsteigen.

Was werden Sie nie gefragt, würden Sie aber gerne mal sagen?
Müssten wir den Seeverkehr in der Energiewende und der Sektor Kopplung stärker berücksichtigen?
Ja! Für die Bereitstellung klimaneutraler Kraftstoffe im Seeverkehr wird enorm viel elektrische Leistung benötigt. Um diese Leistungssteigerung im Stromnetz stemmen zu können, müssen wir noch viel massiver in Kraftwerke auf Basis erneuerbarer Energien investieren und für alle stromverbrauchenden Anwendungen radikal die effizientesten Lösungen einsetzen. Das bedeutet beispielsweise anzuerkennen, dass die klimaneutralen Kraftstoffe, die besonders ineffizient sind, nur dort eingesetzt werden sollten, wo es derzeit keine technische Alternative gibt: im See- und Luftverkehr.

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