Die Transformation des Energie- und Mobilitätssektors ist eine beispiellos tief greifende Aufgabe für die Gesellschaft

Markus Höltermann M.Sc. (Institut für Technische Verbrennung, Leibniz Universität Hannover) über seine Forschungen im Bereich der selektiven katalytischen Reduktion.

Markus Höltermann,
© Bina Engel

Woran forschen Sie?

Unser Institut forscht in den Bereichen der turbulenten Verbrennung, diesel- und gasmotorischen Brennverfahren, motorischen Tribologie und Spray-Einspritzprozesse. Uns geht es vor allem um die Minimierung von Schadstoffemissionen und die Verringerung bzw. Vermeidung des CO2-Ausstoßes. Wir forschen zum einen an Abgasnachbehandlungssystemen wie beispielsweise SCR, einer Technik zur Reduktion von Stickoxiden in Abgasen, für Großmotoren beteiligt. Zum anderen beschäftigen wir uns mit sogenannten Elektro-Fuels, die einen wichtigen Beitrag leisten können, um den globalen CO2-Ausstoß zu senken. Elektro-Fuels sind Kraftstoffe, die mit Hilfe von regenerativ erzeugtem Strom synthetisiert werden. Damit ist eine CO2-neutrale oder sogar CO2-freie Mobilität möglich, wenn kohlenstofffreie Kraftstoffe eingesetzt werden.

Welche Verbesserungen bringt das (für die maritime Branche)?

Die Forschung für den Einsatz von SCR-Systemen in Schiffen ist sinnvoll und notwendig, um die geltenden Abgasnormen in der Seeschifffahrt zu erfüllen. Da der SCR-Prozess bei Schiffen anders realisiert wird als bei Lkw und Pkw (z.B. Verwendung von Zweistoffdüsen, Prozesse unter Druck wegen Pre-Turbo SCR), ist es nötig, bestehende Simulationsmodelle zu validieren oder auch neue zu entwickeln. Zu diesem Zweck führen wir umfangreiche experimentelle Untersuchungen an einem Heißgasprüfstand durch. Wir gehen davon aus, dass mit SCR-Systemen ausgestattete Schiffe auch zukünftig in Dienst gestellt werden und effizient und betriebssicher betrieben werden können.

Die Schifffahrt – und hier insbesondere die Seeschifffahrt – ist darüber hinaus ein Beispiel für einen Sektor, in dem eine Elektrifizierung der Antriebe kein sinnvoller Lösungsweg ist. Das wiederum prädestiniert die Schifffahrt für den Einsatz von Elektro-Fuels.

Was fasziniert Sie daran?

Generell fasziniert mich die Interdisziplinarität unserer Forschungsthemen. Wir sind im Maschinenbau angesiedelt, haben aber inhaltlich mitunter einen deutlichen Bezug zur Chemie und Physik. Methodisch nutzen wir laseroptische Messtechniken und mit Blick auf die Anwendungen haben wir mit verschiedenen Branchen zu tun, die jeweils ihre eigenen spezifischen Fragestellungen und Sichtweisen mitbringen.

An unserer Forschungsarbeit zu SCR-Systemen fasziniert mich vor allem, wie sehr wir in die Tiefe gehen und Detailprozesse ansehen, obwohl es sich um ein anwendungsorientiertes Thema mit teilweise sehr konkreten Fragestellungen aus der Industrie handelt. Auf der Detailebene finden sich dann gerade in Bezug auf die eingesetzten laseroptischen Messmethoden Synergieeffekte zu anderen Bereichen.

Was wird in Ihrem Forschungsbereich wichtig in den nächsten fünf Jahren?

Die Herstellung von Elektro-Fuels ist momentan nicht wirtschaftlich und das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern, zumindest nicht allein durch technologische Forschung und Entwicklung. Die große Frage ist also, wie sich die politischen Rahmenbedingungen entwickeln werden und welche Chancen sich für Elektro-Fuels und deren Nutzung ergeben.

Was werden Sie nie gefragt, würden Sie aber gerne mal sagen?

Eine fiktive und provokante Frage, die aber den Kern aktueller Diskussionen trifft, wäre die, ob wir Elektro-Fuels nur deshalb auf die Tagesordnung setzen, damit es weiterhin Verbrennungsmotoren gibt und wir nicht unsere Arbeitsplätze verlieren.

Aber so ist es nicht: Die Transformation des Energie- und Mobilitätssektors ist eine beispiellos tief greifende Aufgabe für die Gesellschaft. Es ist aber wenig sinnvoll, auch Bereiche zu transformieren, in denen verbrennungsmotorische Antriebe den batterie-elektrischen klar überlegen sind (wie z.B. in der Seeschifffahrt). Sofern die Verbrennungsmotoren CO2-frei oder -neutral betrieben werden, ist diese Sichtweise keinesfalls reaktionär, sondern erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Energiewende gelingt.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unseren Datenschutzbestimmungen zu.